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In
den letzten friedlichen Dekaden des
19. Jahrhunderts konnte sich die junge
Liedertafel in aller Ruhe
etablieren. Man veranstaltete Frühjahrs-, Herbst- und
Wohltätigkeitskonzerte, Weihnachtsfeiern, Bälle und
Ausflüge, gestaltete den
musikalischen Rahmen allgemeiner
Festtage und feierte die Jubilare aus den
eigenen Reihen ebenso mit
Ständchen wie die Honoratioren der Stadt. Auch
nahm man
häufig an überregionalen Sängerfesten teil und trat dem 1912
gegründeten Isar-Ilm-Sängerkreis bei. Während im
Ersten Weltkrieg das
Vereinsleben relativ stagnierte, da ein
Großteil
der aktiven Sänger zum
Kriegsdienst einrücken musste
(vier Mitglieder des Vereins fielen), begann dafür
1919 ein neues
künstlerisches Kapitel der Liedertafel: Ein
größeres
Orchester,
das von einem Herrn Zaska geleitet wurde, schloss sich
ebenso dem Verein an
wie der Musikalisch-Dramatische Verein Dachau,
der sich mit seinem gemischten
Chor auf Theateraufführungen spezialisiert hatte. Diese Vereinigung machte es
laut Bericht des Amper-Boten möglich, »nicht nur die Kunst des
Gesanges
intensiver zu pflegen, sondern auch Außerordentliches zu
bieten«. In den 1920er
Jahren führte die derart
verstärkte Liedertafel Dachau im damaligen Katholischen
Gesellschaftshaus (dem
heutigen Thomahaus) u.a. die Operetten Der
fidele Bauer
von
Leo Fall, Das
Glücksmädel
von Robert Stolz und Der
lachende Ehemann
von Edmund
Eysler auf.
Im
Dritten Reich stand die
Selbstständigkeit der Liedertafel mehrfach auf der
Kippe. Man akzeptierte gerade noch die Umbenennung des Vereinsvorstands in
»Vereinsführer«. Ein kurz nach Hitlers
Machtübernahme aufgetauchter Gedanke,
aus der Liedertafel
einen
Parteiverein zu machen, wurde von den Mitgliedern
jedoch ebenso
einhellig abgelehnt wie der Beitritt des Vereins zum KdF-Ring
(»Kraft
durch Freude«). Als dem Dachauer Arbeitergesangsverein 1934
aus
politischen Gründen die Auflösung drohte, wurden
seine
Sänger in die Liedertafel
aufgenommen (die
Sängerinnen
mussten sich damit abfinden, dass es zu diesem
Zeitpunkt dort keinen
festen gemischten Chor gab). 1941 rief die KdF zur Bildung
von
nationalsozialistischen Singgemeinschaften auf, worauf der
Sänger
und
Dachauer Ratsherr Franz Klug mit einem Brief an den
Bürgermeister
reagierte:
Seiner Meinung nach gebe es in dieser schweren Zeit des
Krieges Besseres zu
tun, als irgendwelche Volksschichten zu
beunruhigen. Wie schon im Ersten verlor
die Liedertafel auch im
Zweiten Weltkrieg vier Mitglieder an der Front.
Die
Gesetzgebung der amerikanischen
Militärregierung nach dem Ende des
Zweiten Weltkriegs
verordnete
der Liedertafel eine kurzzeitige Zwangspause. Da
nicht abzusehen war,
ob und wann der Verein seine Tätigkeit wiederaufnehmen
durfte,
nahm man 1946 das Angebot an, sich mit dem soeben gegründeten
Dachauer Volkschor zusammenzutun. Eine politische Auseinandersetzung
jedoch führte 1951 zum Bruch: Bei einer Besprechung am 22.
Juni
– wie damals
anno 1879 im Gasthaus Hörhammer
–
beschlossen
36 Sänger, sich vom
Volkschor zu trennen und die Liedertafel
unter Vorstand Martin Windele und
Dirigent Hans Haegler wiederaufleben zu lassen. Von da an ging die Liedertafel
wieder
eigene, selbstständige Wege, auf denen das gesangliche Angebot
konsequent erweitert wurde. Ein kleinerer Chor, der sich erst
Doppelquartett, dann
Kammerchor nannte, pflegte von 1952 bis 1957
anspruchsvolle Chormusik. Und
unter den Dirigenten Peter Paul Winkler
und vor allem Martin Gerer etablierte sich
endlich auch ein gemischter Chor, der zwar von Anfang an theoretisch in der
Satzung
vorgesehen, dessen Verwirklichung in der Praxis jedoch bis dahin nur
sporadisch versucht worden und zumeist an der elitären
Einstellung der Männer
gescheitert war, die Frauen nur als
passive Mitglieder dulden wollten (kleine
historisch-amüsante Bemerkung am Rande: Bei den Gründervätern hatten
Frauen
selbst dafür entweder Witwe oder
»selbständiges
Frauenzimmer« sein müssen
– zu deutsch:
Für
die Ehefrauen war damals der Zutritt verboten!). Seit 1966 gab
es
schließlich offiziell neben dem Männerchor auch den
Gemischten Chor der
Liedertafel Dachau. 1974 rief Martin Gerer als
dritten festen Chor des Vereins den
Rhythmus-Chor ins Leben, der bis
2001 bestand und neben seinem Operetten-
und Musicalrepertoire vor
allem durch seine Gospel-Messen bekannt wurde, mit
denen er u.a. auch
in Nürnberg, Ingolstadt und Reit im Winkl gastierte. Am Ende
seiner achtzehnjährigen Chorleiter-Tätigkeit
– in
diese
Zeit fielen die Aufnahmen
zweier Musikkassetten sowie von sieben
Chorliedern für die Sendung
»Bayerische
Chöre
singen«
des Bayerischen Rundfunks, die Festlichkeiten zum
100-jährigen
Bestehen des Vereins und die Verleihung der Zelter-Plakette durch
den
damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel – wurde
Martin
Gerer
zum
Ehrenchorleiter der Liedertafel Dachau ernannt.
Vor
allem dank der Initiative der
beiden Vorstände Ernst Nitsche und Hermann
Windele konnte die
Liedertafel in den letzten Jahrzehnten Kontakte zu mehreren
Chören
im In- und Ausland knüpfen. Einigen – wie dem Chor
der
Kärntner
Landsmannschaft in Klagenfurt, dem
»Frohsinn«-Chor
in Bad Salzig und dem
Monadnock Chorus in Peterborough/USA –
stattete die Liedertafel sogar
Gegenbesuche ab. Für viele
andere, vor allem aus den USA, organisiert der Verein
regelmäßig
Konzerte in Dachau mit anschließendem geselligem
Beisammensein
und gewinnt dadurch der Stadt Dachau neue Freunde in aller Welt.

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