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Es war auf den Tag genau 111 Jahre vor der deutschen Wiedervereinigung, also
am 3. Oktober 1879, als die 1808 von Friedrich Zelter begründete Tradition der
Liedertafeln auch im Markt Dachau Fuß fasste: 38 Freunde des Chorgesangs
schlossen sich im Gasthaus Hörhammer zum Männergesangsverein
»Liedertafel Dachau« zusammen. Auch wenn der Name Liedertafel zu
Vermutungen Anlass gibt, dass das üppige Mahl an der Tafel zumindest
gleichberechtigt neben den im Anschluss daran angestimmten Liedern stand, so
 tilgt doch die Tatsache, dass sich jedes potenzielle Chormitglied laut Vorschrift
zunächst einer gesanglichen Eignungsprüfung durch den Chorleiter unterziehen
musste, jeden Zweifel an den seriösen künstlerischen Absichten des Vereins.
Schon zwei Monate nach der Gründungsversammlung gaben die 31 aktiven
Herren unter der Leitung von Jakob Fromberger ihr erstes öffentliches Konzert.
In den darauf folgenden Jahren stieg die Zahl der Mitglieder stetig; die Liedertafel
stand allen sozialen Schichten und Berufsgruppen offen. Grafen und Barone
finden sich in den Mitgliederverzeichnissen ebenso wie Juristen, Ärzte,
Handwerker und Arbeiter. Aber auch bildende Künstler wie die Kunstmaler
Hermann Stockmann, Felix Bürgers, August Pfaltz, Julius Beda und Hans
von Hayek oder die Bildhauer Walter von Ruckteschell und Wilhelm Neuhäuser
suchten Erbauung und Muße beim Chorgesang; und die Vermutung, dass der
Schriftsteller Ludwig Thoma bei den Liedertafel-Passagen in seinen
Lausbubengeschichten seine eigenen Dachauer Erfahrungen verarbeitet hat,
lässt sich nicht von der Hand weisen. Nicht vergessen werden dürfen in der
Aufzählung prominenter Liedertafler der frühere Bayerische  Kultusminister
Josef Schwalber, der zu den Schöpfern des deutschen Grundgesetzes  zählt, der
ehemalige Bürgermeister Hans Zauner und der unvergessene Prälat Pfanzelt.

In den letzten friedlichen Dekaden des 19. Jahrhunderts konnte sich die junge 
Liedertafel in aller Ruhe etablieren. Man veranstaltete Frühjahrs-, Herbst- und 
Wohltätigkeitskonzerte, Weihnachtsfeiern, Bälle und Ausflüge, gestaltete den 
musikalischen Rahmen allgemeiner Festtage und feierte die Jubilare aus den 
eigenen Reihen ebenso mit Ständchen wie die Honoratioren der Stadt. Auch 
nahm man häufig an überregionalen Sängerfesten teil und trat dem 1912 
gegründeten Isar-Ilm-Sängerkreis bei. Während im Ersten Weltkrieg das 
Vereinsleben relativ stagnierte, da ein Großteil der aktiven Sänger zum 
Kriegsdienst einrücken musste (vier Mitglieder des Vereins fielen), begann dafür 
1919 ein neues künstlerisches Kapitel der Liedertafel: Ein größeres Orchester, 
das von einem Herrn Zaska geleitet wurde, schloss sich ebenso dem Verein an 
wie der Musikalisch-Dramatische Verein Dachau, der sich mit seinem gemischten 
Chor auf  Theateraufführungen spezialisiert hatte. Diese Vereinigung machte es 
laut Bericht des Amper-Boten möglich, »nicht nur die Kunst des Gesanges 
intensiver zu pflegen, sondern auch Außerordentliches zu bieten«. In den 1920er 
Jahren führte die derart verstärkte Liedertafel Dachau im damaligen Katholischen 
Gesellschaftshaus (dem heutigen Thomahaus) u.a. die Operetten Der fidele Bauer 
von Leo Fall, Das Glücksmädel von Robert Stolz und Der lachende Ehemann 
von Edmund Eysler auf.

Im Dritten Reich stand die Selbstständigkeit der Liedertafel mehrfach auf der 
Kippe. Man akzeptierte gerade noch die Umbenennung des Vereinsvorstands in 
»Vereinsführer«. Ein kurz nach Hitlers Machtübernahme aufgetauchter Gedanke, 
aus der Liedertafel einen Parteiverein zu machen, wurde von den Mitgliedern
jedoch ebenso einhellig abgelehnt wie der Beitritt des Vereins zum KdF-Ring 
(»Kraft durch Freude«). Als dem Dachauer Arbeitergesangsverein 1934 aus 
politischen Gründen die Auflösung drohte, wurden seine Sänger in die Liedertafel 
aufgenommen (die Sängerinnen mussten sich damit abfinden, dass es zu diesem 
Zeitpunkt dort keinen festen gemischten Chor gab). 1941 rief die KdF zur Bildung 
von nationalsozialistischen Singgemeinschaften auf, worauf der Sänger und 
Dachauer Ratsherr Franz Klug mit einem Brief an den Bürgermeister reagierte: 
Seiner Meinung nach gebe es in dieser schweren Zeit des Krieges Besseres zu 
tun, als irgendwelche Volksschichten zu beunruhigen. Wie schon im Ersten verlor 
die Liedertafel auch im Zweiten Weltkrieg vier Mitglieder an der Front.

Die Gesetzgebung der amerikanischen Militärregierung nach dem Ende des 
Zweiten Weltkriegs verordnete der Liedertafel eine kurzzeitige Zwangspause. Da 
nicht abzusehen war, ob und wann der Verein seine Tätigkeit wiederaufnehmen 
durfte, nahm man 1946 das Angebot an, sich mit dem soeben gegründeten
Dachauer Volkschor zusammenzutun. Eine politische Auseinandersetzung 
jedoch führte 1951 zum Bruch: Bei einer Besprechung am 22. Juni – wie damals 
anno 1879 im Gasthaus Hörhammer – beschlossen 36 Sänger, sich vom 
Volkschor zu trennen und die Liedertafel unter Vorstand Martin Windele und 
Dirigent Hans Haegler wiederaufleben zu lassen. Von da an ging die Liedertafel
wieder eigene, selbstständige Wege, auf denen das gesangliche Angebot 
konsequent erweitert wurde. Ein kleinerer Chor, der sich erst Doppelquartett, dann
Kammerchor nannte, pflegte von 1952 bis 1957 anspruchsvolle Chormusik. Und 
unter den Dirigenten Peter Paul Winkler und vor allem Martin Gerer etablierte sich 
endlich auch ein gemischter Chor, der zwar von Anfang an theoretisch in der 
Satzung vorgesehen, dessen Verwirklichung in der Praxis jedoch bis dahin nur 
sporadisch versucht worden und zumeist an der elitären Einstellung der Männer 
gescheitert war, die Frauen nur als passive Mitglieder dulden wollten (kleine 
historisch-amüsante Bemerkung am Rande: Bei den Gründervätern hatten Frauen 
selbst dafür entweder Witwe oder »selbständiges Frauenzimmer« sein müssen 
– zu deutsch: Für die Ehefrauen war damals der Zutritt verboten!). Seit 1966 gab 
es schließlich offiziell neben dem Männerchor auch den Gemischten Chor der 
Liedertafel Dachau. 1974 rief Martin Gerer als dritten festen Chor des Vereins den 
Rhythmus-Chor ins Leben, der bis 2001 bestand und neben seinem Operetten- 
und Musicalrepertoire vor allem durch seine Gospel-Messen bekannt wurde, mit 
denen er u.a. auch in Nürnberg, Ingolstadt und Reit im Winkl gastierte. Am Ende 
seiner achtzehnjährigen Chorleiter-Tätigkeit – in diese Zeit fielen die Aufnahmen 
zweier Musikkassetten sowie von sieben Chorliedern für die Sendung 
»Bayerische Chöre singen« des Bayerischen Rundfunks, die Festlichkeiten zum 
100-jährigen Bestehen des Vereins und die Verleihung der Zelter-Plakette durch 
den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel – wurde Martin Gerer zum 
Ehrenchorleiter der Liedertafel Dachau ernannt.

Vor allem dank der Initiative der beiden Vorstände Ernst Nitsche und Hermann 
Windele konnte die Liedertafel in den letzten Jahrzehnten Kontakte zu mehreren 
Chören im In- und Ausland knüpfen. Einigen – wie dem Chor der Kärntner 
Landsmannschaft in Klagenfurt, dem »Frohsinn«-Chor in Bad Salzig und dem 
Monadnock Chorus in Peterborough/USA – stattete die Liedertafel sogar 
Gegenbesuche ab. Für viele andere, vor allem aus den USA, organisiert der Verein 
regelmäßig Konzerte in Dachau mit anschließendem geselligem Beisammensein 
und gewinnt dadurch der Stadt Dachau neue Freunde in aller Welt.


Während der Amtszeit von Vorstand Hermann Windele, der nach der Übergabe
seines Amtes 1996 an Brigitte Hinterscheid zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde,
machte die Liedertafel auf dem musikalischen Sektor eine geradezu sprunghafte
Entwicklung. Zu verdanken ist dies Chorleiter Peter Frank, der 1987 nach Arno
Reichenberger und Karl Grimm den Dirigentenstab übernommen hatte. Mit dem
sicheren Blick für notwendige Veränderungen beschritt er mit dem Chor neue
Wege, nämlich die der großen Konzertwerke der Chorliteratur. Seit 1989 hat die
Liedertafel unter Peter Franks Dirigat im Renaissance-Festsaal des Dachauer
Schlosses das Te Deum von Marc-Antoine Charpentier sowie weitere geistliche
Werke von Antonio Vivaldi, Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri und
Johann Sebastian Bach aufgeführt, ferner die Zigeunerlieder von Johannes Brahms,
die Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten von Joseph Haydn,
Mozarts Requiem und Davide penitente, Bachs Weihnachts-Oratorium und
Johannes-Passion, Mendelssohn Bartholdys Oratorium Elias und Gioachino Rossinis
Petite Messe solennelle. In der Pfarrkirche Heilig Kreuz sang die Liedertafel im
Rahmen eines Passionskonzerts Sakralwerke von César Franck und
Felix Mendelssohn Bartholdy. 2003 wirkte sie beim Gedenkkonzert Dachauer Chöre
in der KZ-Gedenkstätte Dachau mit Johannes Brahms' Ein deutsches Requiem mit.
Anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Stadt Dachau 2005 dirigierte Peter Frank im
Schlossgarten bei einem Open-Air-Konzert Carl Orffs Carmina Burana, gesungen
von der Liedertafel und weiteren Dachauer Chören. Aber auch a cappella-Werke z.B.
aus der deutschen Romantik sowie geistliche Chorsätze zählen zum Repertoire der
Liedertafel. 2004, im Jahr ihres 125-jährigen Bestehens, wurde die Liedertafel Dachau
mit dem Kron-Maus-Kulturpreis der ÜB Dachau ausgezeichnet.

Im April 2010 absolvierte die Liedertafel Dachau eine zehntägige Konzertreise nach
Irland. Anlass war das in der dortigen Stadt Cork gefeierte Fleischmann-Jubiläum,
bei dem zwei Mitglieder der aus Dachau stammenden und mit der Liedertafel
verbundenen Musikerfamilie Fleischmann für ihr erfolgreiches musikalisches Wirken
in Irland geehrt wurden.Mit einer Messe sowie mehreren Konzerten (u.a. im
Muckross House in Killarney) und Auftritten unter der Leitung von Peter Frank leistete
die Liedertafel Dachau Beiträge sowohl zu diesem "Aloys Fleischmann Centenary" als
auch zu dem 56th Cork International Choral Festival, bei dessen Eröffnungsgala in der
City Hall von Cork die Liedertafel zusammen mit dem Fleischmann Choir den
Song of the Provinces von Aloys Fleischmann jr. zur Aufführung brachte.
Zum Gegenbesuch des Fleischmann Choir in Dachau, bei dem dieser und die Liedertafel
abwechselnd bzw. gemeinsam eine Messe, ein Kirchenkonzert und ein Schlosskonzert
gestalteten, reisten im Oktober 2010 auch fast sämtliche Enkel Aloys Fleischmanns an
und waren, wie Enkelin Ruth Fleischmann es ausdrückte, sehr bewegt über die Begegnung
mit den Wurzeln ihrer Familie und die Würdigung, die ihr Großvater während der
Aloys-Fleischmann-Woche in Dachau erfuhr.

Ingrid Zellner, Februar 2011


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